Körpergeschichten

Du siehst mich an. Ruhig wandert dein Blick über meinen Körper. Kurz verweilt er bei meinen Brüsten. Ich muss lächeln. Du auch.

Wie ein Künstler seine Muse ansieht und nur das Schöne an ihr wahrnimmt, genau so betrachtest du mich. Neben dir liegend scheinst du mein gesamtes Dasein sehen zu wollen. Alles was ich bin.

Mein Körper, der dir so vieles erzählen kann. Eine schlecht verheilte Naht, die ein Überbleibsel von einem Sturz als Kind ist. Die Streifen auf meinem Bauch, die dich daran erinnern, dass wir einem Kind das Leben geschenkt haben. Ein Tattoo, das ich mir als Heranwachsende stechen es ließ, weil es damals einen tiefen Sinn für mich hatte, ich aber diese Bedeutung heute nicht mehr weiß.

Du hast all das schon tausende Male gesehen. Nach all diesen Jahren scheine ich dich aber noch genau so zu faszinieren, wie damals in unserer ersten Nacht.

Mein Körper, der dem Leben als Leinwand diente. Die vielen Narben, die von meinen dunklen Zeiten erzählen. Die Dellen und Unebenheiten, die die paar Kilos zu viel eben mit sich bringen. Ein Nabelpiercing, das ich mir mit dreizehn in einem Anflug von pubertärem Protest illegal machen ließ und für das ich mittlerweile eigentlich viel zu alt und unförmig bin, um es irgendjemandem zu zeigen.

Wie ein Kind seine Mutter betrachtet und in ihr nur die Liebe sieht, genau so schaust du mich an. Versuchst mich als Ganzes wahrnehmen zu wollen. All meine Attribute. Die, die dir Geschichten erzählen, genauso wie die, die du schön findest, genauso wie die, die dich erregen, genauso wie die, die einfach nur da sind.

Du blickst mich an. Still schweift dein Blick über mein Gesicht. Kurz verweilt er bei meinen Augen. Ich muss grinsen. Du auch.


Dieser Text wurde im Rahmen des Projektes *.txt verfasst. Das Schlüsselwort zu diesem Beitrag war ruhig.

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
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