Im Herzen verbunden

„Ich plane für längere Zeit ins Ausland zu gehen“, gesteht Emma ihrer Freundin Marie. Diese sieht sie verdutzt an. So etwas passt eigentlich gar nicht zu ihr. Sie hat zwar schon öfter davon gesprochen, aber das war bis jetzt immer nur eine Idee, die so weit weg zu sein schien. Wie etwas, wovon man immerzu träumt, nur damit man etwas hat, wofür es sich lohnt, weiterzumachen. Weil es wichtig ist, von der Zukunft zu träumen.

„Das meinst du doch nicht ernst?“, möchte Marie wissen, obwohl sie die Antwort ahnt. Emma nickt. Sie meint es wirklich ernst. Marie schüttelt den Kopf. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Es war ja immer schön, von dieser Vorstellung zu sprechen, irgendwann im Ausland zu leben. Eine andere Kultur kennenzulernen, eine neue Sprache zu lernen… Aber  man sollte sich doch niemals alle Träume erfüllen. Wofür würde es sich dann noch lohnen, morgens aufzustehen?

„Ich habe mich schon an der Universität in London eingeschrieben. Ich werde erstmal den Master dort machen und dann sehen wir weiter…“, erklärt Emma zögerlich. Was dieses ‚dann sehen wir weiter‘ wohl zu bedeuten hat?

„Du wirst doch wohl wieder zurück nach Österreich kommen, oder?“, fragt Marie mit Verzweiflung in ihrer Stimme. Emma zuckt mit den Schultern und blickt auf den Boden. Marie merkt, wie ihr Herzschlag immer schneller wird. Ihre Hände werden feucht. Das Atmen fällt ihr schwer. Sie bekommt Panik. Wie sollte ihr Leben bloß weitergehen, wenn ihre Freundin sie verlässt?

„Ich komme mit dir!“, meint sie, während sie sich eine Träne aus dem Gesicht streicht. „Mir ist das alles hier egal. Ich gebe meinen Job auf, verkaufe das Haus… mein Mann wird das schon verstehen. Der kann ja auch mitkommen!“

„Sei nicht albern, Marie. Du hast dir hier dein Leben aufgebaut und du liebst doch deine Stadt, deinen Job, dein Haus und vor allem deinen Mann. Das kannst du nicht einfach wegen mir aufgeben.“, versucht Emma ihre Freundin wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Marie schüttelt ihren Kopf. Sie kann und will nicht verstehen, wie ihre Freundin ihr so etwas antun kann. Sie haben sich doch geschworen, für immer zusammen zu bleiben. Es war schon eine Herausforderung, als Emma in eine Stadt zog, die über 200 Kilometer von Maries Heimatort entfernt liegt. Aber die zwei Stunden Zugfahrt nehmen beide gerne auf sich, um sich regelmäßig in den Armen zu halten. Aber London? Dafür müsste man schon in ein Flugzeug steigen und das ist für Marie jedes Mal wieder eine Herausforderung.

„Versteh doch, Marie… Mich hält hier nichts. Ich will doch auch einfach mal nur das Leben spüren. Ich will mein Glück finden und das schaffe ich hier nicht.“, sagt Emma mit zitternder Stimme.

„Dich hält hier nichts? Aber was ist mit mir?“, schluchzt Marie.

Emma lächelt und nimmt ihre Hand.

„Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Meine Seelenverwandte und meine einzige Konstante. Das weißt du doch. Uns verbindet das stärkste Band und das kann nicht reißen. Ganz egal ob wir nun Hunderte oder Tausende Kilometer von einander entfernt sind. Du wirst immer meine beste Freundin sein. Räumliche Distanz wird nie etwas daran ändern können, dass unsere Herzen verbunden sind.“


Dieser Text wurde im Rahmen des Projektes *.txt verfasst. Das Schlüsselwort zu diesem Beitrag war Distanz.

 

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
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