Was niemand versteht

„Emma, niemand versteht das!“, schluchzt Marie. Emma drückt ihre Freundin noch näher an sich und wischt ihr eine Träne aus dem Gesicht.

„Niemand versteht, wie schwer das alles ist. Ein normales Leben zu führen, meine ich. Ich mache nicht mehr als andre: habe meinen Job, meine Wohnung, meine Beziehung und eine handvoll Freunde. Es ist alles ganz selbstverständlich, weil das doch jeder unter einen Hut kriegt.“, sagt Marie. Emma nickt verständnisvoll und reicht ihr ein Taschentuch.

„Aber für mich ist es nicht so einfach. Alles, was für andre ganz normal ist und beinahe nebenbei geht, kostet mir so unglaublich viel Energie. Ich weiß nicht mal, wann ich das letzte Mal Sport gemacht habe, weil ich in meiner Freizeit nur schlafe. Ich habe keine Kraft für meine Hobbies, weil das normale Leben, der Alltag, den jeder bewältigt, mich so auslaugt. Nicht, weil das, was ich tue, zu viel wäre oder mich belasten würde. Im Gegenteil. Ich kann mich im Job selbst verwirklichen, fühle mich wohl in meiner Wohnung und liebe meinen Freund und meine Freunde.“, erklärt Marie. Emma blickt sie erwartungsvoll an und nimmt ihre Hand, als würde sie wissen, was Marie als nächstes sagen würde.

„Aber weißt du, keiner versteht, dass es für mich tatsächlich eine Leistung ist, den Alltag zu bewältigen. Nach den vielen Jahren der Depression und den immer wiederkehrenden Suizidgedanken… da fällt es oft schwer, sich selbst nicht zu verlieren und das zu leisten, was für andere ganz alltäglich ist. Denn dann kostet das Leben so viel Kraft. Und ich muss mich immer wieder vor allen rechtfertigen, warum ich keinen Sport mache und nicht mal raus gehe. Sie verstehen einfach nicht, dass dafür dann keine Energie mehr übrig ist. Niemand versteht das…“, flüstert Marie während ihre Stimme immer wieder bricht. Emma drückt sie noch einmal fest an sich, bevor sie sich von ihr löst und ihr tief in die Augen blickt.

„Marie, das stimmt nicht, dass das niemand versteht. Denn ich verstehe es. Und das ist alles was zählt.“


Dieser Text wurde im Rahmen des Projektes *.txt verfasst. Das Schlüsselwort zu diesem Beitrag war verstehen.

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
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Eine Antwort zu Was niemand versteht

  1. Sarah Riedeberger schreibt:

    <3

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