Glücklich schätzen

Wissen Sie, da gibt es so viele Dinge, die ich gerne sagen würde, aber nicht kann.

Was meinen Sie?

Na ja… Also so Dinge, die ich Ihnen erzählen kann, weil Sie meine Therapeutin sind, aber die ich im echten Leben nicht aussprechen könnte. Ich meine wegen ihm. Die Leute fragen ständig, wie es ihm gehe und sie meinen, er sei so arm und dann sagen sie, wir könnten uns alle glücklich schätzen, dass er noch am Leben sei. Und dabei sehen sie so vieles nicht. Sie sehen nicht, dass ich letzten Sommer im Schnitt 45 Stunden pro Woche arbeitete und trotzdem beinahe täglich die 130 km zu ihm ins Krankenhaus fuhr. Sie sehen nicht, dass ich, als er wieder Zuhause war, zu ihm zog, um ihn zu unterstützen.

Vor allem sehen sie nicht, dass ich im Herbst dann überlegte, ob ich mein Studium abbrechen sollte oder mich gleich suizidieren soll. Weil ich einfach nicht mehr konnte. Und dann haben diese Leute die Frechheit, mir zu sagen, wie glücklich ich mich schätzen könne, dass er noch am Leben sei. Sie sagen, dass ich froh sein sollte, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Aber kann es denn etwas Schlimmeres für mich geben, als dass ich mein eigenes Leben verliere?

Niemand fragt, wie es denn mir eigentlich gehe. Und sie machen mich so zynisch, wissen Sie. Irgendwann fing ich an, auf die Frage, wie es ihm gehe, zu antworten, dass sie ihn doch bitte selber fragen sollten, weil ich es auch nicht wisse. Die Leute verstehen sowas nie, weil wir ja zusammen wohnen. Aber sie haben keine Ahnung, dass ich selbst aufgehört  habe, ihn zu fragen, wie es ihm gehe, weil er mich nie fragt, was ich eigentlich fühle. Weil mich das niemand fragt. Vielleicht weil alle wissen, was ich antworten würde.

Was würden Sie denn antworten?

Dass ich ihm das alles nie verzeihen werde. Alles, was er mir angetan hat. Das von früher und das seit letzten Sommer. Ich müsste sagen, dass ich es ironisch finde, wenn Leute sagen, ich sollte mich glücklich schätzen, dass er noch lebe. Weil ich mich so oft frage, ob es für mich nicht besser gewesen wäre, wenn alles anders ausgegangen wäre.


Dieser Text wurde im Rahmen des Projektes *.txt verfasst. Das Schlüsselwort zu diesem Beitrag war Glück.

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
Dieser Beitrag wurde unter Melancholie, Prosa abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Glücklich schätzen

  1. kaetheknobloch schreibt:

    Liebes Fräulein Meichy, das ist ein sehr hoher Text, ein mutiger zudem. Weil es oftmals so ist, das andere Menschen nur den wahrnehmen, der sichtlich leidet. Denjenigen, der sich still für ihn opfert, bereit ist alles, alles für den anderen zu geben, den sieht man hinter dem Kummerbild nicht. Ich möchte ein Bravo hinterlegen, doch das wäre unangemessen bei diesem Thema. Stattdessen danke ich Ihnen für diesen Text, der die Definition von Glück wahrlich auf den Kopf stellt.
    Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s