Narrenfreiheit

„Weißt du noch, als du sagtest, sobald du finanziell unabhängig seist, würdest du den Kontakt zu deinem Vater abbrechen?“

Ja.

„Und weißt du noch, als du vor etwa einem Jahr gemeinsam mit deiner Therapeutin einen Brief verfasst hast, in dem du ihm alles gesagt hast, was du nie aussprechen konntest?“

Natürlich.

„Dann hattest du auch noch unzählige Träume davon, wie es wäre, ihm all das vorzuwerfen, was er falsch gemacht hat. Wie es sich anfühlen würde, wenn er sich entschuldigt.“

Ich erinnere mich.

„Du hast immer auf den passenden Moment gewartet, endlich mit diesem Teil deines Lebens abschließen zu können. Doch dieser Moment ist nie gekommen. Und jetzt sitzt du da und bist hin und her gerissen. Zwischen all dem Leid, das er dir zugefügt hat und der Zuneigung, die du doch noch für ihn empfindest, einfach weil er dein Vater ist. Dabei sagst du selbst immer, Familie sei kein Grund, Zeit mit jemandem zu verbringen, den man eigentlich nicht mag.“

Ich weiß.

„Ich kann das ehrlich gesagt nicht verstehen. Wie kannst du ihm überhaupt noch in die Augen schauen, nach all den Übergriffen? Und auch wenn es alleine auf Grund der Distanz zwar seltener geworden ist, dass er deine Grenzen missachtet, er scheint es dennoch immer noch nicht zu kapieren.“

Ich glaube, er wird das niemals verstehen.

„Worauf wartest du dann? Wieso sprichst du noch immer mit ihm?“

Ich kann es rational nicht erklären. Ich habe für niemanden jemals so intensive Hassliebe verspürt. Keinem anderen Menschen wünsche ich den Tod und wäre gleichzeitig zutiefst erschüttert darüber. Wir haben seit ich ein kleines Mädchen war diese missbräuchliche Beziehung und ich habe es nie ganz geschafft, mich davon loszureißen. Er hat Narrenfreiheit in meiner Seele.

 


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Pro-Tipps: Anmachsprüche

Ab etwa zwei Promille Alkohol im Blut habe ich bekanntlich kein Schamgefühl mehr. Darum fällt es mir da besonders leicht, für euch diverse Anmachsprüche auszuprobieren, die ich in den letzten Jahren anderen Menschen geklaut habe.

Hier also die Top 5 meiner liebsten Anmachsprüche:

5. Magst schmusen, mir wads wurscht?
Vor allem in Österreich sehr weit verbreitet. Funktioniert besonders gut auf Partys, die uneindeutige Titel wie: „Studentenknutschen XXL“ haben.

4. Was machst du heute noch so, außer einem schlechten Eindruck?
Funktioniert vor allem bei humorlosen Menschen besonders, ähm, mittelschlecht.

3. Du bist so klein, du passt sogar zwei Mal in mein Bett!
Ok zugegeben. Ich habe diesen Spruch noch nicht selbst ausprobiert, aber jemand hat ihn zu einer Freundin (<1.60m) gesagt. Ich muss wohl nicht betonen, dass sie danach nicht zwei mal in seinem Bett lag.

2. Darf ich bei dir schlafen, ich hab in mein Bett gschissen?
Wer kann da schon nein sagen?

1. Für ein Dickpic schlaf ich mit dir!
Der Klassiker.

 

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Verklären

Du verwirrst mich.

Weißt du, das hast du schon damals, als ich dich das erste Mal gesehen hab. Du erinnerst dich bestimmt nicht daran, es ist Jahre her und wir waren alle betrunken. Damals hast du dich über mich lustig gemacht, weil ich an Gott glaubte und du einer dieser missionierenden Atheisten warst. Da hast du mich verwirrt, weil ich es nicht gewohnt war, nicht respektiert zu werden.

Und dann vor einem guten Jahr, als ich dachte, ich würde bald einen Heiratsantrag von meinem damaligen Freund bekommen. Da hast du mich verwirrt, weil du mich zum Lachen gebracht hast. Du hast einen ähnlichen politisch inkorrekten und verdorbenen Humor wie ich. Weißt du, ich habe eine Schwäche für Männer, die mich zum Lachen bringen. Das kannst du nicht wissen, denn du kennst mich nicht und hast keine Ahnung davon, wie oft ich weine und wie sehr ich davon abhängig bin, dass mich jemand zum Lachen bringt. Das hat mich verwirrt, weil ich mir nach dem letzten Glas Wein gedacht habe, ich würde dich gerne küssen.

Vor allem aber hast du mich verwirrt, als wir bei der einen Party darüber diskutiert haben, ob wir uns küssen sollen oder nicht und du gelächelt hast, als ich meinte, meinem Freund würde das nichts ausmachen. Als du abgelehnt hast, weil du keine vergebenen Frauen küsst, hatten wir beide noch keine Ahnung, dass ich mich wenig später von meinem Freund trennen würde.

Nun aber verwirrst du mich nicht mehr.

Denn die Wahrheit ist, dass ich nicht dich interessant gefunden habe. Ich habe die Vorstellung von einer Person, die mich immer zum Lachen bringen kann, mit der man die Aufregung des Nähe-Distanz-Spieles spürt, bei der man nie weiß, ob es irgendwann passieren wird, interessant gefunden. Aber das bist du nicht. Denn du machst mich mehr traurig als glücklich. Du stößt mich immer weiter von dir weg und ich kann deine Nähe nicht mehr spüren. Und ich weiß jetzt, dass es nie passieren wird. Deswegen habe ich beschlossen, dass du mich nicht mehr verwirren darfst. Denn die Vorstellung von dir, die ich attraktiv finde, ist nur eine verklärte Version davon, wer du wirklich bist.

 


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Weiße Haut

Deine Haut ist schneeweiß. Niemals habe ich sie so gesehen.
In meiner Erinnerung war deine Haut immer rosig und gebräunt. So als würdest du täglich von der Sonne in deinem Gesicht wachgeküsst.

Deine Augen sind fest verschlossen. Niemals habe ich sie so gesehen.
In meiner Erinnerung waren deine Augen immer haselnussbraun. Voll mit dem Glanz und der Freude deiner unbeschwerten Jugend.

Deine Lippen sind blass. Niemals habe ich sie so gesehen.
In meiner Erinnerung hatten deine Lippen immer einen satten rosé Ton. Sie formten behutsam deine Worte.

 


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Habseligkeiten

Wenn das Leben einfacher wäre, das sagst du, dann wärst du jetzt bei mir.

Wenn du könntest, das meinst du, würdest du all deine Habseligkeiten packen und dich auf den Weg machen.

Du würdest gerne, so behauptest du, ganz nah bei mir sein und das am besten für immer.

Wenn alles nicht so verdammt kompliziert wäre, schluchzt du, dann könnten wir endlich glücklich sein.

 


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Unser Wir

Ich sehne mich sehr zu diesem Punkt zurück, wo es ein wir gab. Wo es nicht nur du und ich waren, die verzweifelt versuchten, ein wir zu sein. Sondern damals, als wir es einfach waren, dieses wir.

Ich kann mich nichtmal mehr genau daran erinnern, wann wir aufhörten, ein wir zu sein. Aber es war bestimmt Monate, ja vielleicht sogar Jahre, bevor ich es schließlich aussprach.

Du fehlst mir sehr, weißt du. Aber immer, wenn ich mich nach dir sehne und mich frage, ob das alles hier vielleicht ein riesiger Fehler ist, ob dieses wir noch irgendwo in uns stecken könnte. Immer dann erinnere ich mich an unsere letzten Treffen und spüre, dass dieses wir gestorben ist.

Denn du bist nicht mehr derjenige, den ich einmal so geliebt habe. Oder vielleicht bist du es sogar noch. Aber ich bin jedenfalls nicht mehr diejenige, die sich damals in dich verliebt hat. Dieses Vergangenheits-Ich, das all das nicht gesehen hat, was nicht stimmte mit uns. Das bin ich nicht mehr.

Dieses wir, das ich so sehr vermisse, ist letztenendes ein Geist, dem ich nachjage. Denn es existiert schon lange nicht mehr. Selbst wenn ich dich noch einmal in mein Leben lassen würde, es könnte nicht wiedererweckt werden.

Und so bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als unser wir zu vergraben. Ganz tief in meinem Herzen, gemeinsam mit unseren Träumen und unserer Zukunft, die nie eintreten wird. Denn selbst wenn ich wollte, ich könnte dieses wir, das wir so lange hatten, niemals vergessen. Es wird immer ein Teil von mir sein. Du wirst immer ein Teil von mir sein. Wir werden immer ein Teil von mir sein.

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Blind

Jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne und sehe, dass deine Betthälfte noch immer leer ist, trübt sich mein Blick sofort. Nur während eines kurzen Momentes, zwischen dem Aufwachen und Realisieren, dass du immer noch weg bist, kann ich noch klar sehen.

Danach erblinde ich. Jeden Tag auf ein Neues. Als könnte mein Körper es nicht verkraften, dass du weg bist. Als würden meine Augen es nicht ertragen, dich nicht zu sehen, und deshalb alles andere in Dunkelheit tauchen.

So bin ich gezwungen mich durch die Welt zu tasten. Meine weiße Haut wirkt wie die Leinwand eines Künstlers. Übersät von Hämatomen, weil ich es nicht schaffe, mich in der Dunkelheit zurecht zu finden.

Ich liege mit geschlossenen Augen wach im Bett. Ich habe Angst davor, sie zu öffnen, weil ich ahne, was auch heute wieder passieren wird. Meine Hand wandert zu deiner Bettseite. Anstatt deiner warmen Haut ertaste ich nur das unberührte Laken.

Ich öffne meine Augen. Du bist immer noch nicht hier. Und der graue Schleier legt sich wieder über meine Pupillen.


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Crazy Hardcore Shit 19

  • Mittlerweile verstehe ich ja Animal Hoarder. Ich hab zurzeit das Bedürfnis, mir noch etwa 47 Haustiere anzuschaffen. Noch siegt meine Vernunft. Glaube ich.
  • Es fühlt sich echt mies an, sich von einem Flüchtling in der Disco auf ein Getränk einladen zu lassen, wenn man weiß, wie viel Geld die im Monat zur Verfügung haben. Aber er wollte sich das nicht nehmen lassen. Dann hat mir eine Freundin gesagt, dass er reiche Eltern hat. Also alles gut.
  • Ein Lebensstil ist selbsterklärend, wenn die Arbeitskollegin vor dem Wochenende sagt, man solle aufpassen, nicht schwanger zu werden.
  • Was ich übrigens in den letzten Wochen perfektioniert habe: Weinen bis zum Asthmaanfall. Das muss mir erstmal jemand nachmachen!
  • Nach einer Trennung braucht das ganze Leben einen Neuanstrich, weswegen ich beschlossen habe, meinen Job aufzugeben und meinen Lebensmittelpunkt nach Graz zu verlegen.
  • Jetzt grad bin ich also dabei, mein Leben in Kisten zu verpacken. Buchstäblich und metaphorisch.
  • Auch hier brauchte es eine Veränderung, weswegen mir eine wundervolle Person, die lieber anonym bleiben möchte, neue Illustrationen für meinen Blog gestaltet hat. Vielen Dank dafür!

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Zigarettenglut

Es ist bereits Frühling, aber in den Nächten legt sich immer noch eine dünne Schicht aus Eis über die Scheiben der Autos. Es ist schon längst dunkel geworden und eigentlich zu kalt um noch ohne Jacke am Balkon zu stehen. Aber du wolltest eine Zigarette und ich bin dir gefolgt.

Mittlerweile hast du dir schon die Dritte angezündet. Ich beobachte, wie du daran ziehst. Wie die Glut kurz aufleuchtet und ein weiteres Stückchen der Zigarette zu Asche verwandelt. Wie du den Rauch tief einatmest, er kurz in deinem Körper verweilt, und du ihn dann langsam wieder ausatmest.

Du schüttelst deinen Kopf und wehrst meine Hand ab, die nach deiner Zigarette greifen will. Du weißt, dass ich eigentlich nicht rauche. Aber jetzt würde ich gerade wirklich gerne. Denn auf diese Weise könnten sich unsere Lippen zumindest indirekt berühren. Aber du lässt nichtmal diese Art von Nähe zu.

Mir ist kalt. Ich merke, dass ich unter den Ärmeln meines Sweatshirts Gänsehaut habe. Meine Arme fest verschränkt vor meinem Brustkorb. Vermutlich zittere ich leicht und du hast das längst bemerkt. Meine Füße kann ich schon lange nicht mehr spüren. Noch vor wenigen Stunden, als alles anders war, hättest du mir bestimmt deine Jacke angeboten.

Wir schweigen uns nun schon seit zweieinhalb Zigarettenlängen an. Aber was sollten wir uns auch noch sagen? Die letzten Stunden waren gefüllt mit zu vielen Worten, zu viel Schmerz und zu vielen Tränen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich dir sagte, dass ich nicht mehr glücklich bin mit dir.

„Ich hätte das Basilikum noch nicht hier raus stellen dürfen. Es ist noch zu kalt in den Nächten.“, sage ich schließlich und durchbreche die Stille. Du siehst mich erstaunt an und nickst schließlich. „Ja, wir hätten uns um alle unsere Pflanzen besser kümmern müssen. Die meisten sind in den letzten Jahren vertrocknet, verwelkt, abgefroren, verfault.“, antwortest du.

Du wischt dir eine Träne aus dem Gesicht. Ich blicke auf meine rechte Hand, berühre meinen Ehering mit der anderen und streife ihn ab. Ich halte den Ring fest in meiner Faust, möchte ihn zerdrücken, verformen. Doch er ist hart und bleibt stabil. Ich sehe in meinen Augenwinkeln, dass du mich dabei beobachtest.

Du nimmst noch einen langen Zug von deiner Zigarette und dämpfst sie aus, noch bevor du wieder ausgeatmet hast. Du streifst auch deinen Ehering ab, öffnest mit deinen Fingern meine Faust und legst ihn zu meinem dazu.

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Wahn

Du liebst mich nicht. Du siehst mich nicht. Du nimmst mich nicht wahr. Du denkst, ich sei verrückt. Verrückt. Verrückt. Verrückt. Du bemitleidest mich nicht. Nein, du verachtest mich. Verachtung. Verachtung. Verachtung. Du kennst mich nicht. Du willst mich nicht. Ich sehne mich. Sehnsucht. Sehnsucht. Sehnsucht. Du küsst mich nicht. Du nimmst mich nicht. Nur meinen Körper. Beschmutzt. Beschmutzt. Beschmutzt. Du kannst mich nicht leiden. Wieso tust du mir das an? Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Du hörst nicht auf. Du tust mir weh. Du verletzt mich so. Erlöse mich. Erlöse mich. Erlöse mich. Du bist immer da. Du bist niemals hier. Du lässt mich alleine. Du gibst mir keinen Trost. Gib mir Trost. Trost. Trost. Trost. Ich brauche dich. Bitte sieh mich doch. Geh noch nicht. Bleib hier. Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde! Du bist nicht echt. Du bist nicht hier. Du bist in meinem Kopf. Ich bin nicht normal. Nicht normal. Nicht normal. Nicht normal. Du dringst in mich ein. Immer wieder. Du zerfrisst meinen Leib. Dir gehört meine Seele. Meine Seele. Meine Seele. Meine Seele. Wieso hasst du mich? Bitte verlass mich nicht. Sonst bleibt nur Hass. Nur Hass. Nur Hass. Nur Hass.


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